Programm 2009 / Auf der anderen Seite

2.1 | Auf der anderen Seite

Dramaturgie am Schneidetisch

Raum 1 | 11.30 - 12.30 Uhr

Drehbucharbeit und Filmmontage weisen einige Parallelen auf, nicht nur in der englischen Terminologie von »script editing« und »film editing«: Beide beschäftigen sich mit der Strukturierung des erzählerischen Moments im Film, dem »Bauen« der Geschichte. Anhand seiner Arbeit an Fatih Akins Film »Auf der anderen Seite« schildert der renommierte Film Editor Andrew Bird seine dramaturgische Arbeit beim Schnitt.

CASE STUDY
Moderation: Kyra Scheurer, Dramaturgin (VeDRA)
Andrew Bird, Film Editor, »Auf der anderen Seite«

 

FilmStoffEntwicklung-2009 auf-der-anderen-seite

 

Drehbucharbeit und Filmmontage weisen einige Parallelen auf, nicht nur in der Terminologie des»Script Editing« und »Film Editing«: Beide beschäftigen sich mit der Strukturierung des erzählerischen Moments im Film, dem »Bauen« der Geschichte. Beide Berufsgruppen untersuchen Spannungsbögen, Beziehungen der Figuren zueinander und Dialogverläufe, und beide loten alternative Möglichkeiten aus, eine spezifische Geschichte zu erzählen. Der Unterschied besteht in den Mitteln: In der Buchentwicklung entsteht ein geschriebener Text, die Montage dagegen arbeitet mit Bildern, produziert einen filmischen Text. In beiden Entstehungsprozessen aber werden filmische Elemente mit fundamentalen Fragen konfrontiert: Wozu dient was? Welche dramaturgische Funktion erfüllt z.B. welche Szene? Was soll auf universeller Ebene erzählt werden?

Ein Film, dessen Erzählstruktur und Tonlage in besonders großem Ausmaß im Montageprozess entstanden ist, ist Fatih Akins Auf der anderen Seite, für den er ironischerweise u.a. in Cannes ausgerechnet den Drehbuchpreis erhielt: nicht auf Basis des Drehbuchs, sondern angesichts des fertigen Films, dessen Struktur wie Akin selbst in zahlreichen Interviews betont hat im Schnitt vollständig umgestellt wurde. Ein Drehbuchpreis also, der eigentlich dem Schnitt gebühren würde?

Wir haben Andrew Bird, den langjährigen Stammeditor von Fatih Akin, für eine ausführliche Einführung in seine Schnittarbeit anhand ausgewählter Szenenbeispiele aus Auf der anderen Seite gewinnen können, um u.a. dieser Frage nachzuspüren. Im Rahmen dieses praxisorientierten Panels gibt der erfahrene Spiel- und Dokumentarfilmeditor Einblick, inwieweit seine Montage von Auf der anderen Seite vom Shootingscript abweicht und die erzählte Geschichte maßgeblich prägt.

Im anschließenden Publikumsgespräch soll gemeinsam ausgelotet werden, welche besonderen Herausforderungen dieser »Dialog um die Geschichte« in den oft langwierigen Prozessen Stoffentwicklung und Montage jeweils beinhaltet bzw. welche Wechselwirkungen bestehen zwischen Prä- und Postproduktion. Denn ohne Filmeditoren kommt keine Produktion aus, ohne Skripteditoren in der Phase der Stoffentwicklung oftmals schon. Aber ist das immer zum Besten im Film? Oder badet die Montage am Ende auch Versäumnisse einer zu schnellen und unsauberen Stoffentwicklung aus?

Andrew Bird, geboren in London, lebt und arbeitet in Hamburg als freiberuflicher Editor und Übersetzer. Für das Kino montiert er Spiel- und Dokumentarfilme gleichermaßen. Sein bisheriges Werk ist u.a. geprägt von der langjährigen Zusammenarbeit mit Fatih Akin, dessen Werke er seit den ersten Kurzfilmen 1996 ausnahmslos montierte. 2004 erhielt er beim Kölner Forum für Filmschnitt und Montagekunst den mit 7.500 Euro dotierten Schnitt Preis Spielfilm für Gegen die Wand, 2005 war er dort für seinen Schnitt an Akins Dokumentarfilm Crossing the Bridge für den Bild-Kunst Schnitt Preis Dokumentarfilm nominiert. Für die Montage von »Auf der anderen Seite« wurde Andrew Bird 2008 abermals mit dem Schnitt Preis Spielfilm sowie mit dem Deutschen Filmpreis Schnitt ausgezeichnet.

 

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