Programm 2009 / Einladung zum Fühlen

1.2 | Einladung zum Fühlen

Der »mood cue approach«

Raum 2 | 10.30 - 11.30 Uhr

Zentraler Bestandteil beim Betrachten von Filmen ist das Erleben von Emotionen. Doch Gefühle im Film werden bislang wenig untersucht und noch weniger in Filmschulen unterrichtet. Der Vortrag stellt den von Greg Smith an der University of Georgia 2003 entwickelten und in Deutschland noch unbekannten mood-cue-approach vor. Dieser geht von einer spezifischen Wechselwirkung zwischen allgemeiner filmischen Stimmung und konkreten erlebbaren Emotionen aus.

VORTRAG
Michael Ruf, Autor/Regisseur
[Eine Veranstaltung von Michael Ruf]

 

FilmStoffEntwicklung-2009 einladung-zum-fuehlen

 

Das Kino ist ein Ort, an dem wir uns treffen, weil wir Emotionen erleben wollen. Wenn wir Filme sehen, werden Gefühle geweckt.

Zentraler Bestandteil beim Betrachten von Filmen ist das Erleben von Emotionen.

Eine Einsicht, die besonders in unserem und dem vergangenen Jahrzehnt – auch als Gegenbewegung zum Autorenfilm der Siebziger Jahre – immer stärker ins Bewusstsein von Autoren und Regisseuren, Produzenten und Redakteuren gelangt ist. Wer die Emotionen im Film als nicht fassbar, diffus und individuell betrachtet, nimmt sich die Chance einer gewinnbringenden Auseinandersetzung. Schon Eisenstein bezeichnete Emotionen als primäres Ziel für Filmemacher. So erstaunt es nicht, dass die Erregung von Gefühlen im Film zunehmend intensiv untersucht wird und dies auch zum Lehrstoff gehört.

Michael Ruf stellt in seinem Vortrag einen weiteren interessanten Beitrag zu diesem Thema vor: Den »mood cue approach«; von Dr. Greg M. Smith an der University of Georgia 2003 entwickelt und in Deutschland noch unbekannt. Er geht von einer spezifischen Wechselwirkung zwischen allgemeiner filmischer Stimmung und konkreten erlebbaren Emotionen aus, die er ausführlich in seinem Buch FILM STRUCTURE AND THE EMOTION SYSTEM darlegt.

Der Ansatz kombiniert psychologische und filmwissenschaftliche Erkenntnisse zu einem Programm für die Praxis von Stoffentwicklern und Filmemachern. Konkret wendet Dr. Smith hierbei aktuelle kognitivistische Theorien und neurologische Forschungen zur Erklärung der emotionalen Wirkung von Filmen an und sieht sich in der Tradition der Filmtheoretiker Bordwell und Metz.

Eines der Werkzeuge des »mood cue approach« ist das sogenannte »Mikroskript«. Ein Skript ist in der kognitiven Psychologie eine Abfolge von Verhaltensschritten für bestimmte Situationen. Ein Restaurant-Besuch-Skript besteht aus Tisch wählen, Karte lesen, Essen bestellen, usw. Im Film sind nun Mikroskripte Skripte in der Größenordnung einer Szene oder einer Sequenz. Sobald ein Mikroskript beim Publikum aktiviert wird, entstehen Erwartungen über den Fortgang der Handlung, und dies ermöglicht eine emotionale Orientierung für die Zuschauer.

Nach Smith wird beispielsweise in Jarmuschs STRANGER THAN PARADISE in der gut vorbereiteten und stockenden Abschiedsszene zwischen den Figuren Eva und Willy das Mikroskript »Zwei-Menschen-verabschieden-sich-ohne-sich-ihre-Gefühle-einzugestehen« ausgelöst. Aufgrund der spärlichen Verwendung filmsprachlicher Mittel sei es vor allem dieses Mikroskript, das den Moment so traurig mache.

Greg Smith legt bei seiner Herangehensweise besonderen Wert darauf, dass es sich dabei nicht um eine Methode handelt, deren Techniken man einfach generalisierend anwenden kann, sondern wählt einen komplexeren Ansatz, der den Anwendern mehr Individualität im Schaffensprozess ermöglichen soll.

Doch erfindet auch der Entwickler des »mood cue approach« den Film nicht neu, sondern geht bei seiner Arbeit wie schon Aristoteles' Poetik und auch alle anderen großen Dramaturgie-Theorien von der empirischen Untersuchung aus: Anhand zahlreicher Filmbeispiele aus unterschiedlichen Jahrzehnten und verschiedener Genres (PSYCHO, INDIANA JONES, LOCAL HERO, GHOSTBUSTERS, STRANGER THAN PARADISE, STREIK) entwickelte Smith einen Ansatz zur Behandlung der Frage, welche filmischen Strukturen, Mittel und Vorgehensweisen besonders geeignet sind, die Zuschauer zum Fühlen einzuladen.

Weitere Fragen, die Michael Ruf in seinem Vortrag erörtern wird: Wie kann ein Film seine emotionale Ausrichtung im Laufe seiner Dauer ändern? Wann überfordert ein Film die emotionale Aufnahmefähigkeit des Publikums? Unter welchen Bedingungen scheitert ein Film, sein Publikum auf emotionaler Ebene anzusprechen?

Michael Ruf studierte am Goldsmiths College London »Feature Film« (M.A.).

 

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